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Der „Eiserne Gustav“ aus Wannsee

Artikel erschienen im Kiez.magazin (03/10)

Foto: Hannelore Bolte
Die Enkelin des „Eisernen Gustavs“ an dessen Grab in der Friedenstraße

Zum „150. Geburtstag“ von Gustav Hartmann am 4. Juni 2009 wurden Blumen und Kränze auf dem Alten Friedhof in Wannsee niedergelegt. An seinem Ehrengrab (am 23. Dezember 1938 ist er verstorben) kamen seine Enkelin, Frau Ursula Buchwitz-Wiebach, sowie Vertreter des Heimatvereins Zehlendorf, der „Gustav-Hartmann-Denkmalpflege“, des „Gustav-Hartmann-Unterstützungsvereins“, der Taxi-Innung sowie des „Vereins für Kultur und Geschichte in Wannsee e. V.“ zusammen.

Frau Ursula Buchwitz-Wiebach mit Bildern ihres Großvaters

Das war für den Wannseer Verein wieder einmal Anlass zu einem Gespräch mit Frau Buchwitz-Wiebach, die auch Mitglied des Vereins ist. Begeistert berichtet sie anhand ihrer vielen alten Fotos. Ihr ist vor allem wichtig, dass Dichtung und Wahrheit auseinander gehalten werden. Beim Fallada-Roman handele es sich um eine völlig frei erfundene Geschichte bis auf das letzte Kapitel: „Die Fahrt nach Paris“. In dem informativen Buch von Gunnar Müller-Waldeck: „Die Geschichte des legendären Droschkenkutschers Gustav Hartmann“ (2008) kann man nachlesen, wie auch die Filme vom Original Hartmann abweichen. So hat dieser nicht - wie der beliebte Darsteller Heinz Rühmann - Schulden auf sein Haus aufnehmen müssen; es standen sogar schon zwei Autos auf dem Hof. Mit denen ist Hartmann selbst aber nicht gefahren, damit kam er nicht zurecht. In Magdeburg am 4. Juni 1859 geboren, gründete er mit 26 Jahren das erste Wannseer Fuhrunternehmen. Im Jahre 1900 ließ er für sich und seine Familie ein Haus mit Stall und Remise in der Alsenstraße 11 bauen, wo heute eine KPM-Tafel an seine legendäre Kutschfahrt erinnert.

Der „Eiserne Gustav“zieht los

Auf seine alten Tage wagte er nämlich etwas ganz Besonderes. Der “verrückte Droschkenkutscher“, wie er sich gern selbst bezeichnete, hat zu einer Zeit, als „das Pferde-Material im Aussterbeetat steht“ (s. Hartmanns Schild an seiner Kutsche), noch einmal gezeigt, was für eine Leistung bei eisernem Willen möglich war. Er fuhr mit der Pferdekutsche Nr. 120, gezogen von seinem Pferd Grasmus, am 2. April 1928 nach Paris. Im Verlag Ullstein hatte er um Hilfe bei der Beschaffung der Papiere gebeten, und so begleitete ihn der engagierte Journalist Hans Hermann Theobald. Geschäftstüchtig hat Hartmann Postkarten mit seiner Aktion in Deutsch und Französisch drucken lassen.

Es wurde ein Triumphzug durch Deutschland und auch durch Frankreich, zehn Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges. Vorbei an den noch überall sichtbaren Spuren der Materialschlachten stieg Hartmann zu einem französischen Gefallenendenkmal hinauf und nahm den Zylinder vom Kopf. Er selbst hatte nicht in diesen Krieg ziehen müssen, da er schon zu alt war.

Die Enkelin des „Eisernen Gustavs“ mit unserer ersten Vorsitzenden

Hatte es in der Politik durch Gustav Stresemann und Aristide Briand bereits den Versuch einer deutsch-französischen Annäherung gegeben, so wurde die Tat des Droschkenkutschers, einfach in friedlicher Absicht ins Nachbarland zu fahren, als wohltuend empfunden. In Paris wurde „SchüsstaffDefärrrrr!“ begeistert von der Bevölkerung empfangen. Dass er es geschafft hatte, genau am 4. Juni 1928 mit seinem Pferd in Paris anzukommen, war für den 69-Jährigen das schönste Geburtstagsgeschenk. Die Pariser Kollegen ernannten ihn zum Ehrendroschkenkutscher. Das Volk von Paris strömte zusammen und feierte ihn. In der französischen Metropole und bei seiner Rückkehr in Berlin am 12. September 1928 war die Begeisterung der Menschen über die Leistung dieses Mannes groß, auch weil Brücken zwischen den lange verfeindeten Völkern geschlagen worden waren.

Großer Empfang am Brandenburger Tor

Noch heute erinnert sich die damals fünfjährige Enkelin mit großer Freude daran, wie nach der legendären Fahrt ihre Familie, Großmutter Marie, Mutter Johanna und Onkel Otto sowie die fünf Enkelinnen, den Jubel der Berliner um den Großvater am Brandenburger Tor erlebt hat.
Dass die Erinnerung an diesen Wannseer wach bleibt, hat sich Frau Buchwitz-Wiebach stets zur Aufgabe gemacht. Durch eine Fernsehshow bei Rudi Carrell hat sie Kutscherrock, Zylinder und Reisepapiere ihres Großvaters zurückbekommen und diese Gegenstände dem Heimatmuseum Zehlendorf vermacht.

Der Gustav-Hartmann-Platz vor dem Bahnhof Wannsee

In Wannsee wird auf einer Informationstafel zum „Dorf Stolpe“ auf dem Wilhelmplatz und auf dem „Gustav-Hartmann-Platz“ vor dem S-Bahnhof an den „Eisernen Gustav“ erinnert, der hier bis zum letzten Zug aus Berlin bis weit nach Mitternacht ausgeharrt hat, um mit der Droschke Nr. 7 die Nachtschwärmer nach Hause zu bringen. Außerdem grüßt uns seit Juni 2000 sein Denkmal auf der Mittelpromenade der Potsdamer Straße an der Potsdamer Brücke in Berlin-Tiergarten.

Aus Anlass seines 150. Geburtstages gab es bei Mercedes in Kreuzberg eine interessante Wanderausstellung über Hartmanns persönliches Leben, eingebettet in die Zeitgeschichte. Auch wir als „Verein für Kultur und Geschichte in Wannsee“ wollen weiterhin dafür sorgen, dass Gustav Hartmanns Andenken bewahrt bleibt!

Hannelore Bolte

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KPM-Gedenktafel am Wohnhaus der „Eisernen Gustavs“ in der Alsenstraße
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